Das große Sgraffitohaus – Ecke Althangasse – Margarethenstraße liegt westlich des ältesten Bereiches der Stadt Krems, der „Urbs Chremisia“, wobei bereits um 1000 der Hohe Markt als planvoll angelegter Dreiecksplatz existierte. Nach den Untersuchungen von Gerhard Seebach verlief vom Hohen Markt nach Westen entlang der der Margarethenstraße eine Mauer bis zur Althangasse und entlang dieser Gasse zurück zum Hohen Markt. Eine Verbauung dieser dreieckigen Fläche erfolgte erst im Laufe des 14. Jahrhunderts, lassen sich doch Brot- und Fleischbänke sowie die Laube der Tuchhändler hier nachweisen. Das ältere, bis 1453 verwendete Rathaus Ecke Hoher Markt – Margarethenstraße verbirgt sich seit dem 19. Jahrhundert hinter einer Biedermeierfassade.

Die bei der Sanierung und Restaurierung des Hauses Althangasse Nr. 2 im ersten Obergeschoß freigelegten Wandmalereien in einem südseitig gelegenen Raum (Wohnung Nr. 2) sind 1472 datiert. And der Süd- und Westseite des Raumes sind Wappen, Namen und Banderolen mit größtenteils unleserlichen Sinnsprüchen wiedergegeben. An der Südseite unterhalb der Holzdecke findet sich eine goldene Krone, die auf dem Buchstaben A aufsitzt. Die in sich verschlungene, blaue und rote Banderole ist ohne Inschrift, darunter der Name AVGUSTIN LAVSSER. An der Westseite enthält die erste Schriftrolle die Buchstaben NN, darüber der Buchstabe A; am unteren Ende der Banderole der Name V. DVRCHCZICHER. Die folgende Banderole lässt in der Mitte die Buchstaben D(?) und W erkennen, darüber in Zierschrift der Buchstabe D. Der Namenszug lautet: H. DAVNWERGER. Die vierte Schriftrolle wird überragt vom Buchstaben M;die am unteren Ende befindlichen Aufschrift bringt den Namen: H. ALLHER. Die Banderole des J. STÖCKHEL enthüllt Reste einer Inschrift, die sich jedoch der Lesbarkeit entzieht. Der Namenszug wurde in Kursivschrift festgehalten. Der Buchstabe A findet sich oberhalb der Schriftrolle. Die Banderole des H. VON DER LINDEN führt als Entstehungszeit 1472 an, überdies wird die Inschrift MICH VUND NICHT überliefert. In die Inschriftenrolle ist ein uniziales E integriert. Der letzte Namenszug ist nur verstümmelt erhalten geblieben: W VON STRABInnerhalt der Banderole findet sich in Frakturschrift die Initiale C. An dieser Westwand sind noch zwei Vorzeichnungen in Rötel überliefert: eine Wappenkartusche, ein Mann bekleidet in M-parti, in der Linken eine Hellebarde, in der Rechten ein keulenförmiges Gerät sowie eine Graphitzeichnung mit der Darstellung eines Hirsches.

Die Ausstattung des Raumes weist auf dessen Funktion als Stube einer Zeche oder auf eine Stubengesellschaft hin. Von den überlieferten Namen konnte bislang nur ein Mitglied der Familie Stöckel (Stöckl) nachgewiesen werden, nämlich Heinrich Stöckel (Stöckl). Dieser war Apotheker in Krems, hatte 1467 und 1470 die Funktion eines Stadtrichters inne und erlangte 1474 für die Besucher und Wohltäter des von ihm gestifteten Marienbildes auf dem Friedhof von St. Veit einen hundertjährigen Ablass. Der in der Stube erwähnte J. Stöckel wird vermutlich ein unmittelbarer Verwandter, vielleicht ein Bruder von Heinrich Stöckel gewesen sein. Die sieben Personen waren offensichtlich Mitglieder einer Kommunität, wahrscheinlich der 1448 gegründeten Herrenzeche von Krems, der die Priester der Pfarre und die ratsfähige Oberschicht der Stadt angehörte. Es ist anzunehmen, dass in diesem Raum noch weitere Namen mit Banderolen existiert haben. Stubengesellschaften dieser Art können in verschiedenen Städten nachgewiesen werden. 1424 wurde in Konstanz das aus Quadern erbaute und teilweise außen bemalte Versammlungshaus des Patriziats „zur Katz“ bezogen. Noch 1820 waren viele gemalte Wappen und Sinnsprüche der alten Geschlechter erhalten. In Leipzig lässt sich die „Herrentrinkstube“ nachweisen, der die gehobene Bürgerschicht angehörte und in Frankfurt am Main bestand die Limpurger Gesellschaft, deren Mitglieder gemeinsame Besitzer eines Hauses waren.

Der Raum (Wohnung 2) im „Großen Sgrafittohaus“ beherbergte wahrscheinlich eine Stubengesellschaft, die als Vorläufer der gelehrten Stubengesellschaft im Haus Krems, Untere Landstraße 52, aus den Jahren 1552 – 59 zu betrachten ist. An Stelle von Wandmalereien bestand dort im zweiten Stock eine Kassettendecke aus 29 Feldernmit Namen und Wappen der Mitglieder.

Dieser Fund an Wandmalereien in der Althangasse Nr. 2 erbringt den eindeutigen Beweis, dass zwei Vorgängerbauten des ausgehenden 15. Jahrhunderts vorhanden waren und der Handelsmann Hans Drackh den spätmittelalterlichen Bau veränderte und mit einer sgraffitigeschmückten Fassade versehen ließ.

Hans Drackh (Trackh) war Handelsherr, der 1560 in den Rat der Stadt aufgenommen wurde und 1561 das Stadtrichteramt innehatte. Als Künstler verpflichtete der Handelsmann Drackh vermutlich den Maler Hans von Brugg (Pruch), der am 12. August 1552 den Bürgereid ablegte, am 9. August 1554 übernahm er einen nicht näher bezeichneten Auftrag in Krems. Nach dem Tode seiner ersten Frau im Jahre 1555 begab sich Hans von Brugg (Pruch) nach Wien, kehrte aber ein Jahr danach zurück. Im Februar 1559 starb der Künstler; das Erbe fiel seiner zweiten Frau zu. Die Sgraffitti, die das zweistöckige, nach drei Seiten freistehende Gebäude dekorieren, sind zwischen 1556 und 1559 entstanden. Während die Bilderfolge in der Althangasse stets kenntlich war und Szenen des Alten Bundes wiedergeben – der heimkehrende Richter Jephta, die eherne Schlange, die Kundschafter mit der Traube und das Urteil Salomonis - wurden die Darstellungen in der Margarethenstraße erst beim Einziehen von Schließen 1925 wiederentdeckt und zwei Jahre später von Ferdinand Heilmann aus Wien restauriert. Die Abfolge der Szenen teilt sich in vier Streifen, jeweils ein schmaler Streifen unterhalb der Fenster des ersten und zweiten Stockwerks und die großflächigen Darstellungen zwischen den Fenstern der beiden Geschoße. Die Radierungen Augustin Hirschvogels zum Werk Sigmunds Freiherr von Herberstein „Rerum Moscoviticarum commentarii“, die Schilderung einer Gesandtschaftsreise nach Moskau, dienten als Vorlage für die Wiedergabe der Porträts jener Herrscher, die Herberstein im Laufe seiner Tätigkeit aufzusuchen hatte. König LudwigII., Christian von Dänemark, Sigismund I. und Sigismund II. von Polen. Unter diesen Medaillons sind Darstellungen aus dem Alten Bund übereinander wiedergegeben. Tobias und das Weib Jahel. Der vorspringende Teil der Fassade bringt überwiegend Szenen aus den Äsopschen Fabeln in dessen Mittelpunkt die Figur des Äsop steht. Ein Bild veranschaulicht Pyramus und Thispe nach Ovid, ein weiteres die Darstellung „Vom verlorenen Sohn“, während die Genreszenen ein Trinkgelage und einen ländlichen Tanz im Sinne des 16. Jahrhunderts verdeutlichen. Als Vorbilder dienten vermutlich Stiche von Daniel Hopfer, Virgil Solls und Heinrich Aldegrever.

Diese Sgraffiti erführen durch Frau Magister Rudolfine Seeber 1990 eine zurückhaltende Restaurierung.

Die grundsätzliche Zielsetzung bei der Restaurierung des „Großen Sgraffitohauses“ bestand in der weitgehenden Wiederherstellung der Infrastruktur und der Freilegung historischer Holzdecken. An der Südseite des Bauwerks wurden im 1. Obergeschoß in drei Wohnungen die ursprünglichen mit Schablonenmalerei versehenen Holztramdecken, die in einigen Fällen durch Einziehen eines neuen Plafonds nicht mehr sichtbar waren, freigelegt und durch Magister Hubert Pfaffenbichler restauriert. Diese überaus dekorativen Holzdecken sollten ebenso wie die Sgraffiti das bürgerliche Selbstwertgefühl und den gesellschaftlichen Status des Hauseigentümers signalisieren. Der 1581 verstorbene Hans Drackh (Trackh) stellete bei Jahrmärkten auswärtigen Kaufleuten diese Räume zur Verfügung und erhielt für sein Entgegenkommen einen Silberbecher. Überdies wurden in der Wohnung Nr. 3 Reste einer Wandmalerei mit der Wiedergabe einer Stadtansicht aufgefunden und restauriert. Da es sich nur um Torso handelt, ist eine Identifikation nahezu unmöglich und die Annahme, dass es sich bei dieser Vedute um das Wachtertor handelt, muss hypothetisch bleiben.

Der Kaufmann Hans Drackh betrieb in seinem Hause eine Krämerei und besaß überdies einen Wirtschaftshof in Gneixendorf sowie vierzig Viertel Weingärten. Bei seinem Tode belief sich sein Gesamtvermögen auf 3531 Pfund Pfennig, die Höhe der Schulden wurde mit 856 Pfund Pfennig beziffert. Drackhs ehrgeiziges Projekt überstieg offenbar seine Vermögensverhältnisse, war er doch weder in der Lage, seiner Tochter ein Heiratsgut noch das mütterliche Erbe auszufolgen.